Bin ich hochsensibel? Neurodiversität verstehen statt Diagnosen jagen
- Stefanie Esterhammer

- 25. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Feb.
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Vor kurzem landete ich nach einem wundervollen Urlaub am Flughafen in Frankfurt und spürte sofort die für mich "typisch deutsche Atmosphäre". Es fühlte sich alles hektisch, gestresst und genervt an. Nachdem ich zuvor drei Wochen lang auf meiner Reise in einer ganz anderen, wesentlich entspannteren Atmosphäre unterwegs war, traf mich diese Stimmung doppelt so hart. Und um mich herum? Kaum einer wirkte davon auch nur annähernd berührt. Ich hingegen saß kurz nach dem Verlassen des Flughafengebäudes in unserem Parkplatz-Shuttle und war dankbar, dass es noch so dunkel war. Denn mir liefen vor lauter Überforderung die Tränen.

was ist hochsensibilität eigentlich?
Vielleicht kennst du solche oder ähnliche Situationen, in denen dich die Außenwelt völlig überrollt. Hast du dir sogar schon die Frage gestellt: "Bin ich hochsensibel?" Vielleicht gehörst du zu den geschätzt 15-20 % der Bevölkerung mit Hochsensibilität. Sie zeichnet sich unter anderem durch folgende Punkte aus:
die vier säulen der hochsensibilität
Reizoffenheit - Lärm, Licht oder Gerüche werden stärker wahrgenommen.
Tiefe Verarbeitung - Gedanken und Erlebnisse werden intensiv reflektiert und lange gespeichert.
Hohe Empathie - Emotionen anderer werden tief wahrgenommen und oft intensiv gefühlt, manchmal sogar als wären es die eigenen.
Überreizung - durch diese hohe Informationsverarbeitung kann es leicht zu Erschöpfung, Stress oder emotionaler Überlastung kommen.
Das kann sich ganz unterschiedlich zeigen: Die eine nimmt in einem Meeting jede Mikroexpression (kleinste Veränderungen in der Mimik in Bruchteilen von Sekunden) im Gesicht der Kollegin war und spürt die unausgesprochene Spannung im Raum. Der andere braucht nach einem Arbeitstag in der Innenstadt zwei Stunden Stille, um wieder bei sich anzukommen.
hochsensibilität und neurodivergenz: ein wichtiger unterschied
Hochsensibilität wird lediglich als ein Persönlichkeitsmerkmal angesehen. Sie zählt nicht zu den medizinischen Diagnosen, die unter Neurodivergenz fallen wie ADHS, Autismus, Dyslexie oder Dyspraxie, für die es offizielle Behandlungs- oder Therapiemethoden gibt.
Dafür fällt sie unter das Konzept der Neurodiversität, dass mir zugegebenermaßen ohnehin sympathischer ist. Dieses Konzept betrachtet die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirnentwicklung und neurologischer Funktionsweisen als wertvoll und normal. Es geht nicht darum, was "normal" oder "gestört" ist. Vielmehr geht es darum, dass es verschiedene Arten gibt, die Welt wahrzunehmen und zu verarbeiten. Das bedeutet, dass sowohl neurodivergente als auch hochsensible Personen einfach anders denken und empfinden. Und versteh mich bitte nicht falsch. Ich möchte das nicht klein reden. Der Leidensdruck kann für diese Menschen sehr hoch sein. Aber wenn man es schafft, das für sich zumindest als "Anders-Sein" zu akzeptieren, hat man schon den ersten und vermutlich größten Schritt geschafft.
warum dein Umfeld eine Große rolle spielt
Ein wichtiger Punkt zur Akzeptanz deiner Hochsensibilität ist natürlich auch dein Umfeld. Leider hören hochsensible Menschen oft Sätze wie "Stell dich nicht so an" oder "Du bist zu empfindlich". Diese gut gemeinten Ratschläge verkennen jedoch, dass es sich um eine neurologische Gegebenheit handelt, nicht um eine bewusste Entscheidung.
Wie ist das bei dir? Versteht deine Familie dein "Anders-Sein" und schätzt dich vielleicht sogar für deine besonders feinen Sensoren? Dann gratuliere ich dir herzlich. Es ist gut, wenn Familie und Freunde dich so lieben, wie du bist.
Im beruflichen Umfeld ist das oft schon schwieriger - besonders in unserer schnelllebigen Zeit. Großraumbüro, volle Terminkalender, ständiger Stress und Druck, das kann schon sehr überfordern. Dadurch habe ich vor einigen Jahren den Entschluss gefasst, meine Arbeitszeit zu verkürzen, um mich mehr mit meinen Herzensthemen zu befassen. Was daraus geworden ist, siehst du auf meiner Webseite.
wie finde ich heraus, ob ich hochsensibel bin?
Nun zum praktischen Teil: Falls du noch nicht sicher bist, ob auch du zu den Hochsensiblen gehörst, kannst du es relativ einfach herausfinden.
Die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron hat in den 1990er Jahren als erste das Konzept der Hochsensibilität wissenschaftlich erforscht. Sie prägte den Begriff 'Highly Sensitive Person' (HSP) und entwickelte Fragebögen, die bis heute als Grundlage für die Selbsteinschätzung dienen.

selbstcheck: erkennst du dich wieder?
Für einen ersten Selbstcheck kannst du folgende Anzeichen für Hochsensibilität für dich überprüfen:
Reizüberflutung im Alltag: Kaufhäuser, laute Restaurants, große Bahnhöfe oder Großraumbüros erschöpfen dich schneller als andere. Du brauchst danach dringend Ruhe, um wieder zu dir zu kommen.
Tiefe Verarbeitung: Du denkst oft sehr gründlich über Dinge nach, wägst viele Perspektiven ab und brauchst manchmal länger für Entscheidungen - nicht aus Unsicherheit, sondern weil du so viele Facetten siehst.
Emotionale Resonanz: Du spürst die Stimmung in einem Raum sofort und nimmst wahr, wenn es jemandem nicht gut geht (auch wenn die Person nichts sagt). Filme oder Geschichten gehen dir noch tagelang nach.
Sensorische Feinheiten: Kratzende Etiketten in Kleidung, bestimmte Gerüche oder flackerndes Licht stören dich deutlich mehr als andere Menschen. Du bemerkst Details, die anderen gar nicht auffallen.
Rückzugsbedürfnis: Nach sozialen Situationen oder anstrengenden Tagen brauchst du unbedingt Zeit für dich allein, um deine Batterien wieder aufzuladen - das ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.
Gewissenhaftigkeit und Fehlervermeidung: Du machst dir viele Gedanken darüber, Fehler zu vermeiden oder andere nicht zu verletzen. Kritik, auch sachliche, kann dich länger beschäftigen.
Intensive Innenwelt: Du hast ein reiches Gefühls- und Gedankenleben, lebendige Träume und ein starkes Bedürfnis nach Sinn und Tiefe in dem, was du tust.
Um nun Gewissheit zu bekommen, kannst du dir im Internet über eine Suchmaschine einen entsprechenden Test zu Hochsensibilität heraussuchen. Hier solltest du auf den Umfang achten (es sollten mindestens 20-30 Fragen sein).
Ich persönlich bin damals, ich war ca. 40 Jahre, zuerst über einen Zeitungsartikel gestolpert, der mich bis tief ins Mark getroffen hat. Plötzlich fühlte ich mich so gesehen und erkannt. Daraufhin habe ich mir das Buch von Elaine N. Aron gekauft: "Sind Sie hochsensibel?"* und den darin enthaltenen Test gemacht. Dabei durfte ich feststellen, dass ich sogar eine sehr hohe Ausprägung habe.

Wenn du dich nun darin wiedererkennst ... was dann? Viele Frauen erzählen mir, dass sie zwar wissen, dass sie hochsensibel sind, aber irgendwie noch nicht so richtig etwas damit anzufangen wissen. Falls es dir auch so geht, schau dir gerne meinen Blogartikel "Hochsensibel - und nun? Vom Aha-Moment zur Superkraft" an. Dort lade ich dich zu einem Perspektivwechsel ein, der alles verändern kann.


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